Bilanzbuchhalter bringen beste Voraussetzungen für eine Beratertätigkeit beim Steuerring mit: Sie können ihren Sinn für Zahlen mit kommunikativen Stärken verbinden und die Arbeitnehmerseite kennenlernen. So lässt sich ein zweites Standbein aufbauen, das zusätzliche Synergien schafft. Zwei Fallbeispiele.

Martin Hörstemeier, Steuerring-Berater in Hemer und Bereichsleiter für NRW Ost
Christina Häßlein hat manchmal einen „Riecher“, sagt sie. Im Beratungsgespräch erzählen ihr die Steuerring-Mitglieder aus ihrem finanziellen Alltag, etwa, dass der Sohn das Studium abgebrochen hat und nun leider kein Kindergeld mehr gezahlt wird. Stattdessen habe sich der Sohn bei der Bundeswehr verpflichtet. Für Christina Häßlein ist das der Moment, in dem sie denkt „da könnte noch etwas drin sein“. Und wie so oft liegt sie richtig: Auf ihre Nachfrage stellt sich heraus, dass der Sohn bei der Bundeswehr eine Ausbildung macht – und damit weiterhin kindergeldberechtigt ist.
Christina Häßlein nennt das ihren „siebten Sinn“ – das Wissen, wo man genau hinschauen muss. Also dort, wo sich noch ein Vorteil, eine Ersparnis, ein finanzielles Plus verbirgt. Diesen Blick kann man kaum lernen, er entsteht vor allem durch Erfahrung. Und die hat sie, nicht nur weil sie schon lange im Geschäft ist, sondern weil sie Zahlen aus allen Perspektiven kennt: Die 45-jährige Bilanzbuchhalterin hat ein eigenes Buchführungsbüro, arbeitet zusätzlich als freie Mitarbeiterin für Steuerkanzleien und ist seit 2010 Beraterin beim Steuerring. Als solche führt sie im bayerischen Ansbach eine eigene Beratungsstelle mit rund 900 Mitgliedern. Sie kennt also beide Seiten: die der Arbeitgeber und die der Arbeitnehmer. Dadurch weiß sie, worauf sie jeweils genau schauen muss.
Aufgaben als Steuerring-Berater
Die Hauptaufgabe eines Beratungsstellenleiters ist die qualifizierte steuerliche Betreuung der Mitglieder – ganzjährig und über die reine Steuererklärung hinaus. Dazu gehören die Analyse der steuerlichen Situation, das Prüfen von Steuerermäßigungen, Steuerklasse und Freibeträgen. Außerdem umfasst die Tätigkeit das Erstellen der Steuererklärung, die Kommunikation mit dem Finanzamt sowie die Prüfung des Steuerbescheids und ggf. das Einlegen eines Einspruchs.
Bilanzbuchhalter und -buchhalterinnen bringen das Handwerkszeug mit
Berater oder Beraterinnen, die beim Steuerring einsteigen, haben oft bereits berufliche Erfahrung im Bereich Steuern: Sie sind gelernte Steuerfachwirte, -fachangestellte, -sachbearbeiter oder -fachgehilfen. Andere sind Betriebswirte, Kaufleute oder Finanzwirte. Ein beachtlicher Anteil ist aber auch Bilanzbuchhalter und -buchhalterinnen. Sie sind entweder hauptberuflich festangestellt, etwa bei einem Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer, oder sie sind mit einem eigenen Buchführungsbüro selbstständig wie Christina Häßlein. Gerade für diese Gruppe bietet die Tätigkeit beim Steuerring attraktive Entwicklungsmöglichkeiten, denn Bilanzbuchhalter bringen das nötige Handwerkszeug bereits mit. Martin Hörstemeier nennt es „ein Grundverständis in steuerlichem Wissen“. Für den gelernten Diplom-Kaufmann und Bilanzbuchhalter war die Beratertätigkeit beim Lohnsteuerhilfeverein zunächst ein ideales zweites Standbein wie für Christina Häßlein. Doch von Anfang an hatte er die Option nie ausgeschlossen, ganz auf die Seite des Arbeitnehmersteuerrechts zu wechseln.
Wer Berater werden kann
Das Steuerberatungsgesetz (§23 Abs. 3) verlangt von Buchführungshelfern und geprüften Bilanzbuchhaltern eine dreijährige Tätigkeit (mind. 16 Wochenstunden) im Einkommensteuerrecht. Wer diese Praxis nicht vollständig nachweisen kann, sollte sich nicht abschrecken lassen: Der Steuerring bietet Interessenten regelmäßig die Möglichkeit, notwendige Erfahrungen in bestehenden Beratungsstellen zu sammeln – eine Option, die bei Lohnsteuerhilfevereinen keineswegs Gang und Gäbe ist.
Der flexible Nebenberuf beim Steuerring hat gelockt
Martin Hörstemeier hatte zunächst im Rechnungswesen und später im Controlling eines Konzerns gearbeitet. Dort sei der Wunsch gewachsen, sich eine weitere berufliche Option aufzubauen mit der langfristigen Perspektive, möglicherweise ganz umzusatteln, erzählt er. „Ein flexibler Nebenberuf – das hat mich gelockt“, sagt er rückblickend. Beim Steuerring hat er ihn gefunden. Da er die erforderlichen drei Jahre Berufserfahrung mit mindestens 16 Wochenstunden auf dem Gebiet des Einkommensteuerrechts schon vorweisen konnte, durfte er beim Steuerring 2003 gleich eine eigene Beratungsstelle an seinem Wohnort in Hemer in Nordrhein-Westfalen gründen. Bei der Tätigkeit für den Steuerring habe ihn auch „das Spezialwissen“ gereizt, das die Arbeit erfordert. Nicht umsonst habe der Steuerring ein eigenes Schulungswerk.
Einige Jahre arbeitete Hörstemeier nebenberuflich beim Steuerring von zuhause aus. Dann kündigte sein damaliger Arbeitgeber den Stellenabbau an. Hörstemeier verließ das Unternehmen und konnte seinen Nebenberuf beim Steuerring nahtlos zum Hauptberuf machen. Inzwischen ist er mit der Beratungsstelle in ein eigenes Büro umgezogen und betreut 700 Mitglieder. Martin Hörstemeier hat sich innerhalb des Vereins eine neue Karriere aufgebaut: Er hat noch die Prüfung zum Steuerberater gemacht, ist Dozent im Schulungswerk TeLios und seit einigen Jahren Bereichsleiter. In dieser Funktion ist er für gleich mehrere Beratungsstellen in der Region verantwortlich. Sein Fazit: Es gibt viele Möglichkeiten, seine Talente im Verein einzubringen.
Tipp für angestellte Buchhalter
Für Buchhalter in Festanstellung gilt: Die grundrechtlich gewährte Berufsausübungsfreiheit berechtigt jeden Arbeitnehmer zu einer Nebentätigkeit. Nur wenn die Erfüllung der vertraglich vereinbarten Haupttätigkeit beeinträchtigt wird, wenn ein Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz vorliegt oder durch die Nebentätigkeit eine Konkurrenz zum Arbeitgeber entsteht, darf der Arbeitgeber die Nebentätigkeit verbieten.
Unternehmerisches Denken ist die Schnittmenge beider Tätigkeiten
Christina Häßlein jongliert bis heute alle ihre Tätigkeiten parallel, was gut funktioniert, da sie sich gut ergänzen. Im Buchhaltungsbüro muss sie strenge Fristen einhalten, etwa bei der Lohnabrechnung oder der Vorbereitung der Umsatzsteuermeldung. Beim Steuerring gebe es diesen Fristendruck dagegen nicht, sagt sie. Manchmal müsse sie aber auch ihre Bälle in der Luft halten, weil dann alle zeitgleich etwas von ihr wollten. Dann zahle sich gute Organisation aus. Diese bringt Häßlein wie andere selbstständige Buchhalter ohnehin schon mit: Eigenmotivation, Entscheidungsfreude, Zielstrebigkeit, Organisationstalent und keine Scheu, Verantwortung zu übernehmen - kurz: unternehmerisches Denken. Das ist in einer eigenen Beratungsstelle des Steuerrings genauso gefragt wie im Buchhaltungsbüro. Angestellte Buchhalter, die mit einer Tätigkeit beim Steuerring liebäugeln, sollten sich bewusst sein, dass das „Unternehmer-Gen“ gefragt sei, sagt Martin Hörstemeier.
Noch etwas ist laut Hörstemeier beim Steuerring gefragt: Die Bereitschaft für lebenslanges Lernen. Denn das Steuerrecht sei stets im Wandel, ständig gebe es neue Regelungen, die man sich aneignen müsse. Angst vor Überforderung müsse man allerdings nicht haben, versichert der Schulungsexperte. Der Steuerring stehe einem zur Seite, „es ist eine sehr familiäre Atmosphäre hier“. Es gebe Coaching- und Mentoringprogramme und vor allem auch nette Kolleginnen und Kollegen, die einen unterstützen.
Hilfe bei fachlichen Fragen
Wer sich fachlich mal nicht ganz sicher fühlt, findet Hilfe bei seiner Bereichsleitung, der Steuerfachabteilung und bei zahlreichen Sonderberatern. Zudem können Weiterbildungen im vereinseigenen Schulungswerk TeLios belegt werden; der Besuch dieser Seminare ist nicht nur kostenfrei sondern wird auch innerhalb des Bonussystems finanziell belohnt.
Synergie-Effekt: Man nimmt von beiden Seiten etwas mit
Wer den Schritt von der Bilanzbuchhaltung zur Beratungsstelle macht, kann von Synergien profitieren. Christina Häßlein etwa erhielt als Bilanzbuchhalterin immer wieder Anfragen von Mandanten, ob sie auch die Einkommensteuererklärung für die Arbeitnehmer anfertigen könne. Das musste sie stets verneinen, da dies nur den steuerberatenden Berufen oder Lohnsteuerhilfevereinen erlaubt ist. Sie wollte sich dieses Feld jedoch erschließen und landete so beim Steuerring. „Hier hat mich gereizt, zwar selbstständig zu sein, aber nichts mit der Abrechnung der Mitgliedsbeiträge zu tun zu haben“, erzählt Häßlein. Die übernimmt der Steuerring für die Beraterinnen und Berater. Außerdem sei alles „so schnell und unkompliziert“ gegangen, im Handumdrehen habe sie ihre eigene Beratungsstelle eröffnet. Bis heute gewinnt sie neue Mitglieder auch über ihren Job in der Buchführung, etwa wenn Selbstständige ein Gewerbe aufgeben und zu Angestellten werden. Dann werden sie Mitglieder beim Steuerring und kommen in ihre Beratungsstelle, um sich die Einkommensteuererklärung erstellen zu lassen.

Christina Häßlein, Steuerring-Beraterin und Bilanzbuchhalterin in Ansbach
Immer wieder profitiert Christina Häßlein auch von ihren Kenntnissen beider Seiten. Wenn sich die Arbeitnehmer über Posten auf der Lohnabrechnung wundern, kann sie das erklären, weil sie weiß, was sich aus Arbeitgebersicht dahinter verbirgt. Umgekehrt kann sie Arbeitgeber auch immer wieder auf Themen aufmerksam machen, etwa im Bereich der betrieblichen Altersversorgung, weil sie weiß, welche Auswirkungen Regelungen auf Arbeitnehmerseite haben. „Man nimmt auf beiden Seiten etwas mit.“
Verschwiegenheit muss garantiert sein
Trotz Schnittmenge und Synergien sei es wichtig, eine strikte Trennung zwischen beiden Tätigkeiten einzuhalten, betont Martin Hörstemeier. Laut Steuerberatungsgesetz gelte das „hohe Gut der Verschwiegenheit“ in Sachen Steuerauskünften. Zwischen beiden Tätigkeiten dürfe es „keine Interessenkollisionen“ geben. Inhaltlich und zeitlich müssten die Berufe getrennt ausgeübt werden. Christina Häßlein löst dies, indem sie im Büro mit zwei Servern arbeitet, über jeweils eigene Telefondurchwahlen verfügt und ihre Mandanten und Mitglieder in jeweils eigenen Büroräumen empfängt.
„Eine Beratungsstelle lebt“
Damit die Verbindung aus Bilanzbuchhaltung und Steuerring-Beratung ihr ganzes Potenzial entfalten kann, müssen Buchhalter unbedingt Kommunikationsfähigkeit mitbringen, weiß Martin Hörstemeier. „Beim Steuerring bearbeitet man vier bis fünf Fälle pro Tag, führt Mitgliedergespräche, muss individuelle Sachverhalte ergründen.“ Daran müsse man Spaß haben. Das unterstreicht auch Christina Häßlein: „Eine Beratungsstelle lebt.“ Man müsse Lust darauf haben, die persönlichen Geschichten der Mitglieder zu erfahren. Wem die Beschäftigung mit reinem Zahlenwerk als Buchhalter zu trocken sei, der sei genau richtig beim Steuerring.
Christina Häßlein würde rückblickend sagen, alles richtig gemacht zu haben. Denn ihr zweites Standbein bringe ihr noch einen unschlagbaren Vorteil, nämlich einen „sicheren Arbeitsplatz“, sagt sie. Selbst wenn KI voranschreite, bleibe die Bearbeitung einer Steuererklärung „beim Menschen“ – bei einem, der den siebten Sinn hat und die richtigen Fragen stellt.
Über den Steuerring
Der Steuerring zählt mit rund 1.100 Beratungsstellen und etwa 400.000 Mitgliedern zu den größten Lohnsteuerhilfevereinen in Deutschland.
Wir suchen bundesweit Bilanzbuchhalter (m/w/d) mit Erfahrung im Bereich der Lohn- und Einkommensteuer, die sich als Beraterin oder Berater selbstständig machen wollen.